und jetzt?
Stand: 20. Juni 2022

In meinem Blog „Es sieht nicht gut aus“ habe ich auf die trüben Aussichten an den Kapitalmärkten hingewiesen. Nun sind wir mittendrin. Die Mischung aus Inflation, Notenbanken (Zinsen und Liquidität) und Wachstumssorgen ist weiterhin eine ungute Mischung. Dazu kommen noch die langsam versiegenden Gaslieferungen aus Russland, die die Wachstumsaussichten in Europa generell in Frage stellen.

Russland möchte mit der neuen Strategie offensichtlich verhindern, dass wir unsere Gasspeicher auffüllen. Somit wird aber auch wahrscheinlicher, dass wir uns auf einen vollständigen Stopp einstellen müssen, wenn die Heizperiode tatsächlich startet. Hierauf gilt es sich vorzubereiten. Der Vorschlag des BDI Präsidenten Siegfried Russwurm, die Kohlekraftwerke für einen begrenzten Zeitraum wieder in Betrieb zu nehmen, erscheint hier sinnvoll. Aber nicht, wenn diese mit russischer Kohle betrieben werden sollen. Hier sollte man eine andere Lösung finden.

Wie auch immer diese Entwicklung ausgeht – die Preise für Energie in Europa bleiben wohl hoch. Damit ist auch kaum mit einer Entlastung auf der Inflationsseite zu rechnen. Im kommenden Jahr dürften günstige Basiseffekte zwar zu einer geringeren Inflation beitragen. Jedoch sinken damit nicht die Kosten der Lebenshaltung. Solange wir nicht in eine langfristige Deflation laufen, wird sich die reale Kaufkraft nur erholen, wenn die Löhne steigen. Dies ist aus meiner Sicht unvermeidlich, da neben den wirtschaftlichen Argumenten auch die Demographie hierzu beiträgt. Schon jetzt haben sich die Nachfragestrukturen an den Arbeitsmärkten umgedreht, von einen Arbeitgeber dominierten Markt, hin zu einem Arbeitnehmer dominierten Markt

Aus einer Helikopterperspektive ergibt sich für mich damit folgendes Bild. Das neue wirtschaftliche Gleichgewicht in 2023 und 2024 wird sich also durch eine Inflation um die 4% und ein schwächeres Wachstum um 1% einpendeln. Für 10-jährigen Laufzeiten könnten die Bundesrenditen bis auf 2,5 – 3% steigen, die US-Staatsanleihen bis auf 4%. Damit hätte man in einer historischen Einordnung wieder weitestgehend normale Zustände, mit denen die Unternehmen auch mittelfristig zurechtkommen sollten. Gleichzeitig kommt es zu einer gewissen Entflechtung des Welthandels, was die stärksten Abhängigkeiten mindern sollte. Positiv gesprochen werden hier auch einige Übertreibungen der Globalisierung zurückgenommen. Dazu kommt zumindest ein Stopp der Liquiditätszunahme – mittelfristig ggf. auch ein Abbau der Überschussliquidität, was zum einem das Inflationspotential dämpfen, zum anderen auch Überbewertungen aus den Markt nehmen sollte. Bei all den Schmerzen der Anpassung eigentlich ein gesünderer Zustand als vorher. Zudem kann dies auch als Basis für einen neuen Entwicklungszyklus in der Wissenschaft und Wirtschaft dienen. Dieser Zyklus dürfte dabei von der Sicherstellung unserer Lebensgrundlagen bestimmt sein.

Was machen wir in unseren Portfolien daraus? Wir sind weiterhin sehr defensiv aufgestellt – sowohl auf der Renten- wie auch auf der Aktienseite. Diese defensive Ausrichtung drückt sich nicht immer in einem simplen Untergewichten der Assetklasse aus sondern in einer dezidierten Steuerung innerhalb der Assetklasse. Klar, wir können uns damit den ungewöhnlichen starken Abwärtstrends an den Kapitalmärkten nicht völlig entziehen, zumal sich die sonst gängigen Korrelationsstrukturen zwischen den Märkten aufgelöst haben. Unsere Mandate, die speziell für unsichere Marktphase entwickelt wurden, schlagen sich aber gut. Was man bei allen Moll-Tönen nicht vergessen darf: Die Kapitalmärkte werden sich auch wieder erholen und einen großen Teil der Anpassung an die neue Welt haben wir wohl schon hinter uns. Wir bereiten uns mit unseren Analysen bereits auch darauf vor.

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Ein Kommentar

Sehr geehrter Herr Bielmeier,
ich verfolge ihre kompetenten Blogbeiträge schon sehr lange. Zu der eindeutigen Zuordnung der Beschränkungen der Gaslieferungen mit dem Finger auf Russland muss ich Ihnen leider widersprechen. Einem Artikel der Berliner Morgenpost zufolge , dessen Inhalt verifiziert ist, ist ein Natoland verantwortlich. Kanada möchte die nach dorthin von Siemens zur Überholung gesandte Gasverdichterturbine nicht mehr zurückgeben und nach den kanadischen Sanktionsvorschriften konfiszieren. Der Dolchstoß kommt also nicht von Putin sondern von einem „Bruderland“, leider. Der BASF-Chef hat klargemacht, dass Deutschland möglicherweise mit Millionen Arbeitslosen rechnen muss, sollte das Gas aus Russland ausbleiben. Wie sich in einem solchen Falle die politische Landschaft in Deutschland verändern wird, brauche ich wohl nicht ausführen. In der Folge würden natürlich auch die Grundfesten in der EU wackeln, ohne ein gesundes Deutschland geht da nicht mehr und es würde eine Schuldenkrise größten Ausmaßes drohen. Von einem Druck auf Kanada höre ich gar nichts, die EU scheint zu glauben, alles wird gut.
Mit freundlichen Grüßen
Rudi Kölmel

Sehr geehrter Herr Bielmeier,
ich verfolge ihre kompetenten Blogbeiträge schon sehr lange. Zu der eindeutigen Zuordnung der Beschränkungen der Gaslieferungen mit dem Finger auf Russland muss ich Ihnen leider widersprechen. Einem Artikel der Berliner Morgenpost zufolge , dessen Inhalt verifiziert ist, ist ein Natoland verantwortlich. Kanada möchte die nach dorthin von Siemens zur Überholung gesandte Gasverdichterturbine nicht mehr zurückgeben und nach den kanadischen Sanktionsvorschriften konfiszieren. Der Dolchstoß kommt also nicht von Putin sondern von einem „Bruderland“, leider. Der BASF-Chef hat klargemacht, dass Deutschland möglicherweise mit Millionen Arbeitslosen rechnen muss, sollte das Gas aus Russland ausbleiben. Wie sich in einem solchen Falle die politische Landschaft in Deutschland verändern wird, brauche ich wohl nicht ausführen. In der Folge würden natürlich auch die Grundfesten in der EU wackeln, ohne ein gesundes Deutschland geht da nicht mehr und es würde eine Schuldenkrise größten Ausmaßes drohen. Von einem Druck auf Kanada höre ich gar nichts, die EU scheint zu glauben, alles wird gut.
Mit freundlichen Grüßen
Rudi Kölmel

Die Bundesregierung müsste über die EU

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