Schöne neue Welt
Stand: 12. April 2022

Nach den kräftigen Kursverlusten zu Beginn des Jahres wog man sich in den letzten Wochen in Sicherheit. Aber dies war ein Trugschluss – oder in Finanzmarktterminologie eine Bärenmarktrallye – ein kurzes Luftholen, bevor die realwirtschaftlichen Kräfte sich doch wieder durchsetzten.

Realwirtschaftlich sieht es weiterhin alles andere als rosig aus. Der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen gegen Russland, steigende Rohstoffpreise, Corona in China, zerbröckelnde Lieferketten, ein sinkender Grad der Globalisierung; all das sind Belastungsfaktoren für die Weltwirtschaft und in deren Zentrum steht Deutschland – mit der hohen Abhängigkeit von Russland und vom Weltmarkt.

In der jüngeren Wirtschaftsgeschichte eigentlich keine besonders ungünstige Mischung, aber on top kommen diesmal Zentralbanken, die wegen der hohen Inflation die Geldpolitik restriktiver gestalten und die Liquidität in den Volkswirtschaften reduzieren müssen. Damit fehlt genau den Institutionen die entscheidenden Handlungsmöglichkeiten, die in den letzten Krisen, die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte vor längeren Krisen bewahrt haben.

Die Folge ist, dass in 2022 beide große Assetklasse Aktien und Renten bislang mehr als 6% gefallen sind. Nach der jahrelangen Rallye der beiden Assetklassen natürlich keine Überraschung, aber jetzt da es tatsächlich passiert – trotzdem überraschend. Kurzfristig dürfte sich hieran nicht viel ändern. Jedoch bahnt sich mit den steigenden Renditen ein deutlicher Trendwechsel an.

In den letzten Jahren lag die Dividendenrendite der großen Aktienindizes auf oder über den langfristigen Renditen. Dazu kamen Anleihekaufprogramme der Notenbanken und steigende Liquidität von der die Aktienmärkte profitierten, was die günstige Kursentwicklung zusätzlich befeuerte. Das könnte sich nun ändern. Renditen von länger laufenden Anleihen dürften wieder über den Dividenden liegen. Investoren dürften sich an diese neue Welt schnell anpassen und strukturell Rentenpapiere stärker gewichten. Dies hätte dann natürlich auch Folgen für Kapitalkosten und Bewertung von Unternehmen; auch für Staaten würde die Verschuldung teurer werden, was am Ende eine gesunde Entwicklung wäre. Natürlich ist die Anpassungszeit schwierig, wie wir gerade feststellen.

Im letzten Absatz habe ich den vorsichtigen Konjunktiv benutzt, da es natürlich weiterhin die Möglichkeit gibt, dass die Notenbanken bei den ersten leichten Erholungstendenzen in der Inflation die beschlossenen oder angekündigten Maßnahmen wieder zurücknehmen und in den gewohnten Modus verfallen. Dies würde uns zwar kurzfristig wieder einen freundlichen Kapitalmarkt bescheren, langfristig aber noch mehr Probleme mit sich bringen.

Der beste Kompromiss wäre wohl eine langsame für alle verträgliche Anpassung oder besser Ausschwitzen der überbordenden Geldpolitik der letzten Jahre. Das wird es aber kaum geben – das zeigt zumindest die Historie.

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